Lob des Schreibens
Wie Sie Patientinnen und Patienten zum Schreiben führen
Von Rolf Murbach / Journalist und Schreibcoach
Schreiben ist gesund, heilsam, und schafft Zugang zu Ressourcen. Wer regelmässig (Tagebuch) schreibt, durchläuft einen kreativen und bereichernden Prozess und stärkt seine Resilienz. Weil wir verstehen, wer wir sind und weshalb wir etwas tun. Weil wir unsere Biografie als das begreifen, was sie ist: eine Ansammlung von erinnerten Geschichten, Erlebnissen, Begegnungen, Erfahrungen – Schönes, Schwieriges, Enttäuschung und Erfüllung gehören dazu.
Das Leben zur Sprache bringen
Wenn wir schreiben, bringen wir das (unser) Leben zur Sprache. Wir werden zur Geschichtenerzählerin, zum Geschichtenerzähler. Das ist klärend, bereichernd, sinn- und identitätsstiftend.
Schreiben schärft die Wahrnehmung und macht uns achtsam – das Gegenprogramm zu den flüchtigen und schnellen Posts von Social Media. Im besten Fall erleben wir Flow, vergessen und finden uns im Schreiben. Ich bin dann ganz bei mir.
Schreiben im therapeutischen Prozess etablieren
Im Rahmen des Projektes Körperstress wollen wir das Schreiben im therapeutischen Prozess etablieren.
Wir glauben, es ist ein einfaches und äusserst wirksames Mittel, das zur Stabilisierung und Heilung von körperstressbetroffenen Personen beiträgt. Wir sind uns bewusst, dass nicht alle Patientinnen und Patienten schreibaffin sind. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass viele Menschen positiv aufs Schreiben reagieren. Und die Studienlage ist eindeutig: Schreiben ist wirksam. Wer schreibt, fühlt sich in einer Krise nach kurzer Zeit besser. Wichtig sind Schreibrituale, die über den Tag hinausgehen, also regelmässiges Schreiben.
Praktische Tools - train the trainer
Sie sind Ärztin, Arzt, Therapeutin, Therapeut oder in anderer Funktion im Gesundheitsweisen tätig und möchten das Schreiben in der Behandlung von Patientinnen und Patienten anwenden.
Mit dieser Seite stellen wir Ihnen einige Tools bereit, die Sie dabei unterstützen: eine Anleitung zum Anleiten des Schreibens (train the trainer). Wir glauben, dass eine stimmige und professionelle Hinführung zur Schreipraxis für das Gelingen wichtig ist. Mit diesen Informationen möchten wir Sie auf dem Weg zum Schreibcoach begleiten.
Leidenschaft, Erfahrung, Verständnis und Empathie
Begeisterung
Leidenschaft für das Schreiben vermitteln
Eigene Schreiberfahrung
Authentizität durch persönliche Praxis
Verständnis des Schreibprozesses
Tiefes Wissen über die Mechanismen
Empathie
Vertrauensvolles Klima schaffen
Ich arbeite seit vielen Jahren als Journalist, schreibe regelmässig Tagebuch und unterrichte Schreiben an Universitäten, Fachhochschulen, Spitälern und in Firmen. Entscheidend für gelingendes Schreibcoaching sind für mich: Begeisterung, eigene Schreiberfahrung, Verständnis des Schreibprozesses, präzise und stimmige Schreibanleitungen, Empathie sowie ein vertrauensvolles Klima.
Konkrete Tipps
Wenn Sie in der Arbeit mit Ihren Patientinnen und Patienten, Klienten und Klientinnen das Schreiben etablieren möchten, dann beachten Sie die folgenden Punkte:
Ermutigen Sie die Patienten zum Schreiben
Ausprobieren, etwas wagen, eine spielerische Haltung einnehmen. Formales ist unwichtig, es geht nicht um «perfekte» Texte, sondern um den Schreibprozess: Wenn ich schreibe, erlebe ich etwas.
Arbeiten Sie mit kurzen einfachen Übungen
Schreibsequenzen von 3, 5, 10, 15 oder 20 Minuten sind ideal.
Einfache und verständliche Anleitungen
Die Übungsanleitungen sollen einfach und verständlich sein.
Texte müssen nicht vorgelesen werden
Die Texte müssen nicht vorgelesen werden (dürfen natürlich vorgelesen werden). Im Anschluss an die Übung tauschen Sie sich mit dem Patienten/der Patientin aus.
Nicht überfordern
Achten Sie darauf, dass Sie die Patientin mit dem Schreibauftrag nicht überfordern. Sie bestimmt immer, ob und was sie schreiben möchte. Die Schreibübungen sind immer Angebote.
Selbst ausprobieren
Jede Übung, die Sie in Ihrem Setting anbieten, sollten Sie vorgängig selbst einmal gemacht haben.
01
Schreibprozess erklären
Erklären Sie vor den Übungen kurz Schreibprozess und Wirkung des Schreibens auf Gesundheit und Psyche.
02
Schreibrituale zu Hause
Ermuntern Sie Ihr Gegenüber, zu Hause Schreibrituale einzurichten: alle zwei Tage, 3- bis 7mal pro Woche; kurze Schreibsequenzen genügen, um Fortschritte zu erzielen und einen therapeutischen Prozess zu durchlaufen.
03
Spass am Schreiben vermitteln
Versuchen Sie das Schreiben so zu vermitteln, dass es Spass macht: das Spielerische, Experimentelle und Kreative soll zum Zug kommen.
Mehr zu Schreibprozess, Tagebuchschreiben, Schreibübungen und neurologischen Hintergründen
Vielleicht schreiben Sie selbst sehr gerne und bringen grosse Schreiberfahrung mit. Schreibprozess und die Wirkung des Schreibens sind Ihnen daher bekannt. Möglicherweise sind Sie aber wenig vertraut mit den Funktionen des Schreibens. Wir haben für Sie einige Seiten zu den Themen Tagebuchschreiben, Schreiprozess sowie Schreiben und Gesundheit zusammengestellt. Zudem sind auf einer Seite einige kreative Schreibübungen versammelt.
Schreiben und Gesundheit: die heilende Kraft des Schreibens
3 Schreibübungen für den Einstieg
Freewriting
Schreiben Sie 10 bis 15 Minuten einfach drauflos. Nicht denken, sondern schreiben, sich vom eigenen Text treiben und tragen lassen, nicht absetzen, nicht zurückblicken, immer vorwärts schreiben, sich überraschen lassen. Formales wie Grammatik, Rechtschreibung, Satzzeichen etc. spielen keine Rolle. Alle Assoziationen zulassen. Beginnen Sie mit irgendeinem Satz und los geht's. Text am Schluss nicht vorlesen, sondern Schreiberfahrung austauschen.
Schöner Ort
Beschreiben Sie einen Ort, an dem Sie sich wohlfühlen, der Ihnen vertraut ist. Beschreiben Sie, was Sie sehen, hören, fühlen, riechen wahrnehmen. Mit dem Text die Sinne bedienen wie bei einer Reportage. Gedanken, die über das Beobachten hinausgehen, zulassen, sie aufschreiben. Schreiben Sie in der Ich-Form (im Präsens oder in der Vergangenheit). Variante: Schreiben Sie in der dritten Person (er/sie). Das führt zu einer grösseren Distanzierung.
Reflexives Schreiben
Formulieren Sie mehrere spannende Fragen zu Themen, die Sie beschäftigen. Wählen Sie eine Frage aus, diese Frage ist der erste Satz Ihres Textes. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen zu dieser Frage in den Sinn kommt.
So geht es mir gerade jetzt
Beschreiben Sie Ihre Gefühlslage, wie es Ihnen geht, was Sie beschäftigt, worüber Sie sich freuen, was Sie ärgert, was Sie seit längerem beschäftigt. Schreiben Sie auch hier drauflos, ohne Zensur.
Bei allen Übungen gilt: Sich vom eigenen Text tragen lassen, sich überraschen lassen. Es gibt kein: Das gehört hier nicht dazu. Der Zauber des Schreibens liegt oft im Unvorhergesehenen und vermeintlich Unbewussten. Schreiben ist ein Mittel des Denkens, maximale Offenheit bereichernd. Jeder Text ist ein Ent-Wurf. Überarbeitung kommt, falls überhaupt, später.
Und nun viel Freude beim (Vermitteln des) Schreiben(s). Sie werden erfahren: Schreiben schärft die Wahrnehmung und ist bereichernd.